Das »Bandbreitenmodell«keine Lösung

Ein Kurzbericht zu den Erfahrungen bei der Umsetzung des »Bandbreiten-Modells« – von einer Lehrerin an einem Gymnasium in Essen



Ich bin Studienrätin für die Fächer Deutsch und Englisch an der Maria-Wächtler-Schule in Essen. Seit 1982 arbeite ich in NRW, wegen der Erziehung meiner drei Kinder mit reduzierter Stundenzahl, zuletzt mit 17 Wochenstunden. Mit Ausnahme von zwei Jahren, in denen ich jeweils die Schule gewechselt habe, war mit meiner Tätigkeit immer eine Klassenleitung verbunden. Da meine Kinder inzwischen meine Aufmerksamkeit nicht mehr im bisherigen Umfang benötigen, habe ich den Direktor meiner Schule gebeten, mich ab dem Schuljahr 2002/03 mit voller Stundenzahl einzusetzen. Da an unserer Schule Bedarf in meinen Fächern besteht, war der Schulleiter zwar einverstanden, fragte aber, warum ich mir das antun wolle. Ich wies daraufhin, dass es ja nach meinen Informationen durch das sogenannte Bandbreitenmodell in seine Hand gelegt werde, die Korrekturbelastung durch Stundenentlastung auszugleichen.

Der Schulleiter wehrt ab, die Lehrerkonferenz verweigert sich

Der Schulleiter wehrte dieses Ansinnen ab. Er sagte, dass er nicht vorhabe, all zu viel an der bisherigen Regelung zu ändern. Schließlich müsse er ja auch andere Begehrlichkeiten befriedigen, die auf dasselbe Stundenkontingent Anspruch hätten. Und schließlich sei er auch dem Betriebsfrieden verpflichtet. Ich solle mir also bitte keine übertriebenen Hoffnungen machen.

Am 26.2.2002 fand eine Lehrerkonferenz statt, auf deren Tagesordnung das Bandbreitenmodell als Tagesordnungspunkt 8 erschien. Der Schulleiter verließ die Konferenz vor diesem Tagesordnungspunkt, da er andere Termine wahrzunehmen hatte. Der Lehrerrat informierte das Kollegium in Ansätzen über die Möglichkeiten des Bandbreitenmodells, wobei er besonders auf den Umstand abhob, dass die Stundenzahl der Nicht-Korrektur-Lehrer erhöht werden könnte. Dies lehne der Lehrerrat grundsätzlich ab. Der Lehrerrat empfahl, die endgültige gesetzliche Regelung abzuwarten, die erst zu Beginn des neuen Schuljahres zu erwarten sei. Im übrigen wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass dem Betriebsfrieden ein höherer Wert zuzuweisen sei als den in den Augen des Lehrerrats fragwürdigen Ansprüchen Einzelner.

Hintergründe

Das Kollegium der Maria-Wächtler-Schule setzt sich im Augenblick aus 59 hauptamtlichen Kollegen zusammen. Davon sind zehn durch zwei Korrekturfächer belastet, 31 vertreten ein Korrekturfach, zwölf sind ohne Korrekturfach. Schulleitung und Lehrerrat haben eindeutig klar gemacht, dass sie zu einem Konflikt mit 43 Kollegen, die mit der jetzigen Regelung Vorteile haben, gegenüber zehn Kollegen, die davon profitieren würden, nicht bereit sind. Die Konfliktbereitschaft – beziehungsweise die Bereitschaft, eine erhebliche ungleiche Belastung überhaupt anzuerkennen – ist in meiner Erfahrung auch durch mehrere Faktoren gemindert:

  • Etwa ein Drittel der Kollegen ist über 56 und richtet sich auf Altersteilzeit ein.
  • Eine Reihe von Kollegen erhält bereits eine Stundenreduktion auf Grund von Schwerbehinderung.
  • Viele Kollegen haben sich durch Übernahme von Sonderaufgaben, die mit den unmittelbaren Unterrichtsgeschäften nichts zu tun haben (Referendarsbetreuung/ Bücherbeschaffung und -verwaltung etc.) Nischen geschaffen, die durch Stundenreduktion den Korrekturdruck mindern.
  • Einige Kollegen regeln ihre Belastung individuell, i.e. sie entziehen sich der Korrekturbelastung durch Krankheitstage, durch Weigerung Oberstufenunterricht zu erteilen, durch größere Lässigkeit in der Korrektur, durch Einschränkung des Vorbereitungsaufwands etc.

Keine Lösung durch das »Bandbreitenmodell«

Der von der Schulverwaltung beschrittene Weg, die Entlastung der Korrekturlehrer in den Entscheidungsbereich der einzelnen Schule zu verlagern, geht an den tatsächlichen Bedingungen und Machtverhältnissen innerhalb der Schulen vorbei und wird das vorgebliche Ziel, die Belastung innerhalb der Schulen auszugleichen, nicht erreichen. Er trägt vielmehr dazu bei, dass bei den Betroffenen – auch bei mir – der Eindruck entsteht, dass an der tatsächlichen Lösung keinerlei Interesse besteht, sondern lediglich in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt werden soll, dass ein Missstand aus der Welt geschafft worden ist. Der gesunde Menschenverstand sollte eigentlich vorhersehen lassen, dass eine rationale und faire Entscheidung nicht möglich ist, wo das Eigeninteresse so vieler eine Rolle spielt. In der Regel bin ich als Doppelkorrigiererin häufig Argumenten ausgesetzt, die am Sachverhalt der höheren zeitlichen Belastung vorbeigehen. So werde ich der Dummheit geziehen (»Mädchen, da haben Sie eben einen Fehler gemacht vor 30 Jahren!«), es wird mir vorgeworfen, ich mache zu viel Aufhebens von Korrekturen (»So ’ne Unterstufen-Korrektur würde ich glatt in einem halben Nachmittag erledigen! Ich muss in Bio auch Tests schreiben lassen!«) oder es wird mir Geldgier vorgeworfen (»Warum willst du eine volle Stelle haben? Es gibt Wichtigeres im Leben als ein bisschen Geld.«).

Durch die neue Regelung der Lehrpläne hat sich die Belastung in den Fächern Deutsch und Englisch in meiner individuellen Erfahrung ganz erheblich erhöht. Allein die Einführung der Facharbeiten und der Parallelarbeiten sowie der Fortbildungsaufwand für die neu in den Lehrplan eingeführten Themen wie media literacy haben in meinem Fall zu einer Erhöhung meiner Arbeitszeit um mindestens 40 Wochenstunden im Halbjahr geführt. (Ich bin von zwei Parallelarbeiten in der Unterstufe und einer Parallelarbeit in der Oberstufe betroffen und habe vier Facharbeiten zu betreuen und zu korrigieren.) Die Reduzierung der Zahl der Korrekturen pro Klasse greift für meinen Fall nicht, da die gleichzeitige Erhöhung der Unterrichtsstunden beziehungsweise die Reduzierung der Stundenanzahl in Leistungskursen in meiner Kombination nur zu weiteren Korrekturbelastungen führt.

Wenn es der Schulverwaltung tatsächlich darauf ankommen sollte, die Belastung der einzelnen Fächer, die ja durch curriculare Vorgaben ausgelöst sind, gerecht zu gestalten, so ist es ihre Aufgabe für Gerechtigkeit zu sorgen. Der beschrittene Weg ist ineffektiv und führt langfristig zu zynischen Reaktionen und Qualitätsabsenkung im Unterricht.

E. Bär-Bellermann, Essen



ZieleWas tun?AktuellesBeitrittLesen Sie mal weiter!Impressum


 

redaktion@korrekturfachlehrer.de


Stand: 19.04.2002