OStD Gralla und StR Hammersen »Die tatsächliche Arbeitsbelastung heutiger Lehrer wird durch das Wochenstunden-Deputatsmodell zur Bestimmung der Lehrerarbeitszeit nicht adäquat abgebildet.«


Schulleiter Gralla blickte zunächst zurück auf das seit 200 Jahren in deutschen Schulen verwendete Wochenstunden-Deputatsmodell. Die in den letzten zehn, zwölf Jahren viel umfangreicher und vielgestaltiger gewordene Berufsarbeit der Lehrer entfalte sich nicht mehr nur im Klassenraum, wie es das Wochenstunden-Deputatsmodell unterstelle. Anders das »Mindener Modell«: Hier werde jegliche berufliche Tätigkeit der Lehrer – nicht nur die Unterrichtstätigkeit – differenziert erfasst und als tatsächlich geleistete Arbeit in die Berechnung der Jahresarbeitszeit einbezogen. Die gesetzlich festgelegte Jahresarbeitszeit eines jeden Lehrers betrage nach diesem Modell jährlich 1804 Zeitstunden, was exakt der Arbeitszeit auch jedes anderen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst Nordrhein-Westfalens entspreche. Das zur Zeit geltende Deputatsmodell lasse es jedoch nicht zu festzustellen, ob unterschiedlich belastete Lehrer diese gesetzliche Normjahresarbeitzeit über- oder unterschreiten.

Projektleiter Hammersen erläuterte an mehreren Belastungsprofilen anonymisierter Lehrer, wie sich deren Jahresarbeitszeit nach dem »Mindener Modell« berechnet. In der Parallelrechnung des Herder-Gymnasiums habe sich gezeigt, dass Über- oder Unterschreitungen der Jahresarbeitszeit von 1804 Stunden keineswegs allein nur von den Fächern abhingen, die die einzelnen Lehrer unterrichteten, sondern auch von den außerunterrichtlichen Tätigkeiten, die diese Lehrer jeweils ausübten. Anders als im Deputatsmodell könne außerunterrichtliche Berufsarbeit aber fair erfasst, genau eingerechnet und transparent dargestellt werden.

»Welche bisher geleistete Arbeit soll ich streichen, damit die neue Leistung erbracht werden kann?«

In der Diskussion zeigte sich, dass die anwesenden Lehrer den Fortschritt an Transparenz sehr begrüßten, den dieses gymnasiale »Mindener Modell« unter den Kollegen des Herder-Gymnasiums ermöglicht. Auch werde das Ansehen des Lehrerberufs in der Öffentlichkeit zunehmen, wenn überall im Land vermittels der dem »Mindener Modell« innewohnenden Transparenz der Öffentlichkeit klar gemacht werden könne, welche Leistungen über das Unterrichten im Klassenraum hinaus von den Lehrern einer Schule im Einzelnen erbracht werden. Auf einen weiteren Gesichtspunkt aus der Schulleiterperspektive machte Gralla aufmerksam: Zusätzliche Aufgaben, die den Lehrern zur Zeit einfach »obendrauf gepackt« würden (wie es mit den Lernstandserhebungen und den Zentralen Prüfungen 10 geschehen sei), könnten dann ohne Arbeitszeitausgleich nicht mehr abverlangt werden. Gralla: »Wenn jetzt – unter dem veralteten Wochenstunden-Deputatsmodell – ›von oben‹ zusätzliche Aufgaben für mein Kollegium an mich herangetragen werden, muss ich versuchen, sie von irgend jemandem erfüllen zu lassen, im schlimmsten Fall durch dienstliche Anweisung. Wenn aber ein Jahresarbeitszeitkonto die jährliche Arbeitsleistung meines Kollegiums ›deckelt‹, kann ich fragen: ›Welche bisher geleistete Arbeit soll ich streichen, damit die neue Leistung erbracht werden kann?‹«

Das Jahresarbeitszeitmodell kommt

Schulleiter Gralla wagte abschließend die Prognose, dass in der kommenden Legislaturperiode des NRW-Landtags ein Jahresarbeitszeitmodell ähnlich dem »Mindener Modell« das gegenwärtige Wochenstunden-Deputatsmodell ablösen werde. Er mahnte aber, dass bis dahin noch weitere Gymnasien Schulversuche mit dem »Mindener Modell« unternehmen, wenigstens aber Parallelrechnungen wie am Herder-Gymnasium in Minden durchführen müssten, um die beruflichen Belastungen der Lehrer noch genauer als jetzt abzubilden und die für eine landesweite Evaluation nötige Datengrundlage zu erweitern.

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Die Parallelrechnung des Herder-Gymnasiums, Minden, beruht auf einem – weiterentwickelten – Schulversuch, den das Gymnasium Porta Westfalica mit dem Jahresarbeitszeitmodell anstellte. Eine wissenschaftliche Auswertung dieses Schulversuchs finden Sie hier.




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Stand: 19.02.2009