Süddeutsche Zeitung

Nr. 238 vom 15. Oktober 2002, Seite 22 (»Schule und Hochschule«)

 

Wer korrigiert, ist angeschmiert

Von Barbara Schäder

Ein Lehrer, der 54 Stunden pro Woche arbeitet? Der Vorsitzende Richter schaut Heiner Hülsmann zweifelnd an. Lehrer, die auf Verminderung ihrer Arbeitszeit klagen, stoßen immer auf Skepsis – auch hier vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf.

Heiner Hülsmann lässt sich davon nicht einschüchtern. Weil er sehr viele Klausuren korrigieren müsse, arbeite er pro Woche acht Stunden mehr als die meisten seiner Kollegen, sagt er. Acht Stunden, das ist ein ganzer Arbeitstag – dafür bekommt Hülsmann keinen Cent mehr Gehalt, keinen Überstundenausgleich, nichts.

Mit seiner Klage bringt er nicht nur seinen Arbeitgeber, das Land Nordrhein-Westfalen, gegen sich auf, sondern auch viele seiner Kollegen. Denn bisher gilt bei Pflichtstunden und Bezahlung in den meisten Bundesländern der Grundsatz: Alle Lehrer einer Schulform sind gleich. Stimmt nicht, sagt Hülsmanns Anwalt: »Jeder weiß: Wenn die Sportstunde zu Ende ist, ist sie auch für den Sportlehrer zu Ende. Er muss keine 20 Hefte mit nach Hause nehmen.«

Hülsmann muss oft Hefte mit nach Hause nehmen, meistens eher 30 als 20. Denn er unterrichtet Englisch und Französisch, zwei Fächer, in denen jede Klasse Klausuren schreibt. Im laufenden Schuljahr wird Hülsmann rund 500 Hefte korrigieren müssen. Die meisten sind lange Aufsätze aus der Oberstufe, »da brauche ich bis zu zweieinhalb Stunden pro Heft«. Meistens beschäftigen ihn die Korrekturen auch am Wochenende – und in den Ferien.

Hülsmann führt einen von drei Musterprozessen, den die kleine Vereinigung der Korrekturfachlehrer unterstützt. Seit drei Jahren ist sogar wissenschaftlich belegt, dass sie mehr arbeiten als die meisten ihrer Kollegen. Den Nachweis dafür hat pikanterweise die verklagte Landesregierung selbst erbracht: Bei einer Arbeitszeit-Erhebung in ihrem Auftrag kamen die Gutachter der Unternehmensberatung Mummert & Partner zu dem Schluss, die Korrekturlehrer müssten für ihre Mehrarbeit entlastet werden.

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