Symposium »Individuelle Förderung« in Essen: Eine verpasste Chance

Unser Vereinsvorsitzender Reinhard Heider durchleidet ministeriellen Frontalunterricht – auch eine Erfahrung




Sowohl die Ministerin als auch alle ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wollen ganz sicher das Beste für unsere Schulen in NRW, aber am Ende des Symposiums »Individuelle Förderung« am 3. Februar 2007 in Essen war die Erkenntnis zwingend, dass man dort wenig Konkretes über die individuelle Förderung von Schülern erfahren hat, aber viel über die dazu im Umlauf befindlichen Schlagwörter. Warum hat man nicht spätestens nach der Mittagspause den vielen anwesenden Pädagogen und den übrigen an unserem Bildungswesen interessierten Besuchern und Multiplikatoren die Möglichkeit gegeben, mit schul- und stufenbezogenen Hinweisen und Fragen zu klären, wie die Rahmenbedingungen für »Individuelle Förderung« herbeigeführt werden können? Stattdessen wurde das fachkundige Publikum dazu genötigt, einen vielstündigen »Frontalunterricht« mit geringem Informationsgehalt über sich ergehen zu lassen.

Zu gern hätte man von Herrn Rainer Domisch vom Zentralamt für Unterrichtswesen in Helsinki erfahren, ob die individuelle Förderung in Finnland mit einer differenzierten Lehrerarbeitszeitregelung einhergeht. Schließlich hatte Ministerpräsident Rüttgers ja verkündet: »Individuelle Förderung benötigt Zeit.«

Wer sich mit dem finnischen Schulsystem schon durch eigene Nachforschungen vertraut gemacht hatte, erhielt von Herrn Domisch dann in der Mittagspause in einem persönlichen Gespräch folgende Informationen bestätigt: In finnischen Gesamtschulen

  • beträgt die Klassenstärke 16 bis 20 Schüler
  • werden »Nebenfächer« wie Biologie und Erdkunde in einer Gruppe von 1,5 Klassen unterrichtet
  • werden die Fremdsprachen sowie Mathematik (in den unteren Klassen) in Gruppen bis zu 10 Schülern gelernt
  • richtet sich die Zahl der zu unterrichtenden Stunden nach der Anzahl der Korrekturen.

So unterrichten Lehrer mit dem Fach

  • Finnisch:  15 Wochenstunden
  • Englisch: 18 Wochenstunden
  • Mathematik: 23 Wochenstunden
  • Biologie: 27 Wochenstunden

Das heißt: In Finnland wird der in den schriftlichen Fächern anfallende enorme Korrekturaufwand als Arbeitszeit bewertet und honoriert, während dies hierzulande immer noch nicht der Fall ist, von den großen Lehrerverbänden leider sogar immer noch abgelehnt wird. In Finnland gibt es offensichtlich auch für Lehrer, die Kernfächer unterrichten, Arbeitsbedingungen, die es ihnen zeitlich erlauben, ihren Unterricht so vor- und nachzubereiten, dass eine individuelle Förderung der Schüler überhaupt erst möglich wird.

Warum wurden den Teilnehmern dieses Symposiums solche entscheidenden Informationen vorenthalten? Warum durfte man sie nicht einmal erfragen? Warum wies der sich als Medienstar gerierende Prof. Schleicher eine konkret darauf abzielende Frage der Moderatorin brüsk zurück?

Schade. Welche Aufbruchstimmung hätte für das so wichtige Thema erzeugt werden können! Warum nutzt das Schulministerium nicht die Gelegenheit um auf das nach Hamburger Vorbild in seinem Auftrag entwickelte »Mindener Modell« hinzuweisen, das als ein erster Schritt in die richtige Richtung zu verstehen ist?

Reinhard Heider, Steinheim




 

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Stand: 10.02.2007